Artamis Genf

Zwischennutzung wider Willen

1996 formierte sich der Dachverband Artamis, um der autonomen Kulturszene Genfs auf dem Areal der Industriellen Werke eine Bleibe zu schaffen, nachdem das Areal zuvor besetzt gewesen war. Künstler und Kulturschaffende aus allen Sparten nisteten sich in den zahlreichen Gebäude, Hallen und Baracken ein. Sie wollten nie eine Zwischennutzung sein, sie wollten bleiben. Zu jener Zeit war Genf geprägt durch eine grosse Vielfältigkeit an tolerierten Besetzungen, Squats und halboffiziellen Zwischennutzungen. 1999 wurde das Areal der SIG parzelliert und zwischen verschiedenen Eigentümern aufgeteilt. Dennoch wurden die Nutzer weiterhin toleriert.

Subkulturelle Bastion

Zu den besten Zeiten arbeiteten mehr als 300 Kulturschaffende und Künstler auf dem Areal. Die Angebote der Betriebe (Theater, Konzerte, Festivals, Ausstellungen) hatten eine europaweite Ausstrahlung. Gleichzeitig ging der Geist der Pionierzeit je länger je mehr unter. Zwischen den Nutzern kam es zu grossen Meinungsunterschieden und Konflikten, die schliesslich zur Auflösung der Dachorganisation führte. Einige Nutzer organisierten sich darauf gebäudeweise. Es fehlte deshalb an einer Steuerung der Nutzung und Kontrolle des Areals. Viele Betriebe bezahlten keine Miete und existierten am Rande der Illegalität. Falls Miete bezahlt wurde, belief sich diese auf ungefähr 80.-CHF/m2/a. Durch Untervermietungen für Anlässe von etablierten Kulturbetrieben konnten die Nutzer teilweise hohe Gewinne erwirtschaften. Artamis wurde von vielen Genfer als das heimliche Herz der Stadt empfunden. Jedes Wochenende hielten sich Hunderte von Besuchern auf dem Areal auf.

Räumung und Dekontamination

Untersuchungen der Stadt Genf zeigten, dass das Areal der Artamis schwerwiegend belastet ist. Vor allem Zyanid, Mineralöl und Benzol steckte im Boden und in den Gebäuden, Belastungen in der Rhône sollen bis Marseille gemessen worden sein. Mit Ausnahme dreier Gebäude musste alles abgerissen und 74'000m3 Erde abgetragen werden. Die Kosten der Sanierung werden auf 50 Mio CHF geschätzt und werden vom Kanton und der Stadt Genf getragen. Die Nutzer wurden relativ kurzfristig informiert und versuchten Widerstand zu organisieren. Die Stadt Genf anerkannte die ausserordentliche Bedeutung der entstandenen Netzwerke und bot den nicht-kommerziellen Nutzern Ersatz in einem nahen Gebäude an. Den dort ansässigen Handwerkern musste dafür gekündigt werden. Noch ist nicht klar, was nach der Sanierung des Areals weiter geschieht. Der Verein „Pour que pousse Coquelicot", welcher sich u.a. aus ehemaligen Nutzern zusammensetzt, plant auf dem Areal ein Eco-Quartier, welches dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet ist, Wohnungen, Büros und Ateliers anbietet und soweit möglich selbstverwaltet ist. Das Projekt „Coquelicot" wurde 2003 an der Nachhaltigkeitsbörse des Kanton Genfs ausgezeichnet.   

 

 


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