Selve Thun


Dramatischer Endspurt

Die Geschichte des Thuner Selve-Areals ist äusserst komplex, ebenso die Besitzverhältnisse und Planungsvorgänge. Umso länger konnte sich eine vielfältige, allerdings nicht immer nur erfreuliche Zwischennutzung halten. 1993 mussten die Metallwerke Selve AG (zuletzt Swissmetal) ihren Betrieb wegen Konkurrenzdruck und aus wirtschaftlichen Gründen schliessen. Mit dem Niedergang des Unternehmens stellte sich zwischen 1988 und 2000 eine Kapitalvernichtung von rund 45 Mio. ein (Wertverminderung Immobilien). Mit ein Grund dafür war die beträchtliche Kontaminierung des Bodens mit Schwermetallen und Kohlenwasserstoffen.

Vom Buntmetall zu bunten Völkerscharen

Bereits 1988 wurde in einer Lagerhalle eine der grössten Skateranlagen der Schweiz eingerichtet und gleich eine Schweizer Meisterschaft durchgeführt. Auch andere punktuelle Zwischennutzungen kamen schon vor der Betriebschliessung hinzu, indem sich ehemalige Mitarbeiter in leerstehenden Räumen selbständig machten. Bald erfolgte ein eigentlicher Boom auf die günstigen Räume. Rund 200 v.a. gastronomische, gewerbliche und kulturelle Nutzungen liessen sich auf die befristeten Verträge ein und verwandelten die Scheibenstrasse in eine Ausgehmeile mit überregionaler Ausstrahlung. Ohne eigenes Zutun erhielt die Militärstadt Thun im Handumdrehn ein neues, offensichtlich attraktives Image, denn an guten Tagen bevölkerten rund 10'000 vergnügungshungrige Gäste das Selve-Areal in der 40'000-Einwohner-Stadt. Die neuen Nutzungen kompensierten auch die vernichteten 420 Arbeitsplätze praktisch vollständig.

Planung ja

Da die Schliessung der Industrie vorauszusehen war, begannen schon 1988 die Vorarbeiten für eine umfassen Neuplanung des gesamten Gebietes, die 1990 mit dem Wettbewerbserfolg des Berner Büro B einen Höhepunkt erreichte. Doch die Umsetzung kam wegen der Immobilienkrise und den unklaren Kosten für die Altlastensanierung ins Stocken. Zwar wurden drei Teilprojekte realisiert, ansonsten herrschte Stillstand. Erst die Ersteigerung des Areals durch die öffentliche Hand und die Kooperation mit privaten Investoren brachte ab 2005 neuen Schwung. Das Resultat eines zweiten Wettbewerb über einen reduzierten Perimeter wird nach politischen Hürden nun aktuell umgesetzt (vorwiegend Wohnungsbau auf einer Tabula-rasa-Basis).

Steuerung nein

Die Zwischennutzunge wurden nie in die Planung einbezogen, obschon sie deutliche stadtbereichernde Wirkungen erzeugt hatten. Es fehlte auch eine frühzeitige aktive und zielorientierte Steuerung der Nutzungen durch die Verwaltungen. Mieterträge waren das einzige Motiv. Doch das neue positive Image erlitt auch Dämpfer, sei es durch zunehmenden Vandalismus und mehrere Brände, sei es durch teilweise zwielichtige Nutzungen und undurchschaubare Untervermietungen, welche scheinbar nicht in den Griff zu bekommen waren. Und die respektablen Bruttoerträge durch Zwischennutzungen wurden zu 50-70% durch ungedeckte Betriebskosten u.ä. wieder aufgefressen. Die Baufälligkeit der Objekte und prekäre Infrastruktur trugen das ihre zum allmählichen Rückzug der einst blühenden Zwischennutzungen bei. Ende 2007 war Schluss mit lustig.

 




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